Via Italia

Via Italia

 

Die Via Italia am Piz Ciavazes bereitete uns vom Anfang bis zum Ende ein wahrhaftiges Abenteuer mit beinahe durchgehend erhöhter Herzfrequenz und mehreren moralischen Aussetzern. Beginnen werde ich wie gewohnt ganz von vorne:

Nachdem wir einige Tage in den Zinnen verbracht hatten, verlagerten mein Papa und ich den Standort auf  den Sellapass.
„Du muasst diei technische Kletterei e nu verbessern, gehn ma morgen die „Via Italia“ am Ciavazes“

Diesen Vorschlag musste mein Dad nicht zweimal wiederholen. Begeistert von der beeindruckenden Linie der „Via Italia“ sowie der Tatsache, dass die technische Kletterei zu diesem Zeitpunkt noch eine große Herausforderung für mich darstellte, willigte ich sofort ein.

Am nächsten Tag läutete uns der Wecker pünktlich um halb 7 aus den Schlafsäcken. Der erste Blick in Richtung Ciavazes dämpfte meine Motivation sogleich:

dunkle Wolkenfetzen zogen über den Gebirgsstock. Sah nach Regen aus.
Nach einer kurzen „Krisenbesprechung“ während der Kaffee-Zubereitung beschlossen wir, zumindest „mal zum Einstieg zu gehen, vermutlich würde sich die Wetterlage e noch ändern“.

Am Einstieg angekommen wurde das Material sortiert, das Topo studiert und die Pause ein wenig hinaus gezögert.
10:00 Uhr: noch immer war der Himmel bedeckt, die Motivation jedoch zu hundert Prozent vorhanden.
„Probier mas einfoch. Am 2.Stand kennan ma no immer abseiln!“

Gesagt getan. Trotz eher schlechtem Gefühl hinsichtlich der Wetterentwicklung stiegen wir nun endlich in die Via Italia ein. Die erste Seillänge führt über 3er- Gelände zum Stand (50 Meter). Die zweite SL führt geradlinig zum nächsten Stand (7-), wobei anzumerken ist, dass in dieser SL ein Zwischenstand möglich wäre.

Kurzer Blick auf die umliegenden Gebirgsstöcke: die Wolken scheinen sich aufzulockern. „Klettern ma weiter, wird scho passn!“

Nach einstimmigem Beschluss setzte mein Dad den Vorstieg fort und kletterte zügig durch die erste, wirklich fordernde Techno-Länge der Via Italia : diese beginnt mit einer Links- Querung, welche anschließend in eine sehr ausgesetzte und steile Verschneidung übergeht (9- / A2).

In der vierten Länge kam ich zum Zug: bei dieser SL handelt es sich um eine ausgesetzte und  überhängende Linksquerung, welche schräg nach oben zieht.

„Ziemlich pumpig, aufgrund der guten Absicherung mittels NH jedoch moralisch nicht allzu fordernd.“
Die fünfte SL führt zuerst über ein Dach und anschlileßend über ein spiegelglatte Platte zum Stand unter das „3-Meter-Dach“.

Der Stand unterm Dach ist seit der freien Begehung von Mauro Bole alias „Bubu“ im Jahr 2002 mittels Bohrhaken eingerichtet. Weiters befinden sich im Dach 2 BH und etliche NH.

Ruckzuck waren befanden wir uns am nächsten Stand. Die A2-Länge fiel mir überraschender Weise nicht allzu schwer. Ein gutes Gefühl für einen bis dato
„Techno-Aspiranten“.

Weiter geht’s in die 7.SL, welche gerade nach oben zieht: hier ist ein Zwischenstand möglich, welchen wir auch nutzten (7). Die 8.SL führt zuerst gerade nach oben und anschließend in einer rechts Querung zum Folgestand (8+ / A1). Diese beiden  SL bereiteten mir persönlich den größten Genuss, da die Felsqualität ausgezeichnet ist und man  zur Abwechslung mal nicht in den Leitern steht. Hervorragende Freikletterei!!

Kurz nachdem wir den vorletzten Stand vor der letzten Techno-Länge erreicht hatten, trat auch schon die Befürchtung des Tages ein: ein Gewitter zog herauf, und bescherte uns nicht nur Donner, Blitz und Regen, sondern auch „Golfball-große“- Hagelkörner.

Im Schutz des  Daches warteten wir nun den anfänglichen Schauer ab. Nach etwa 15 Minuten beruhigte sich die Lage und der Regenschauer ging in leichtes Nieseln über. Mein Herz schlug mir bis zum Hals: Da mein Dad einen Herzschrittmacher trägt, war meine Furcht während des Gewitters aufgrund der unzähligen Blitze nicht unbegründet.

Erleichtert, dass dies nun endlich ein Ende hatte, beschlossen wir, die letze SL in Angriff zu nehmen: Wieder einmal war ich über sehr dankbar bzw. froh darüber, dass wir sowohl Hammer als auch Haken am Gurt mitgeführt hatten, denn diese benötigten wir in dieser Situation sehr gut:

Mein Dad übernahm den Vorstieg. Schon während des Sicherns wurde auch ich klatschnass. Eine Wasserrinne, welche vom Dach bzw. der überhängenden Verschneidung gebildet wurde, befand sich direkt ober mir.

Nach ca. 10 Metern konnte ich meinen Papa nicht mehr erkennen, jedoch akkustisch sehr gut wahrnehmen: der erste Haken wurde geschlagen. Vermutlich war er bereits in der Platte angelangt, welche laut Topo eher sporadisch abgesichert ist. Nach 30 Minuten endlich der finale Schrei: „STAAAUND!“

Erleichtert und vollkommen gelöst konnte ich die finale Länge nachklettern. Über 3-er Gelände gings anschließend zum Gamsband, wo wir uns nun endlich auf „sicherem Terrain“ befanden. Auf die Minute genau hörte es auf zu regnen, wodurch wir somit auch die wohlverdiente Pause einlegen konnten. Endorphin- Ausschüttung vom Feinsten!

Nach einem 50-minütigen Abstieg erreichten wir bei Einbruch der Dunkelheit den Parkplatz, wo uns bereits ein deutsches Kletterpaar mit 2 Tassen heißem Tee und den Worten:
„Ihr seid ja verrückt, Mensch!“ erwartete. Die beiden beobachteten uns gespannt die gesamte Tour über und teilten uns danach mit, dass sie zwischenzeitlich an unserem  Durchstieg zweifelten und nun umso überraschter und erleichterter sind, uns am Parkplatz anzutreffen.

Ein ausgefüllter Tag ging somit zuende. Zufrieden und ein wenig geschlaucht verkrochen wir uns in den Schlafsäcken und ließen die Tour noch einmal Revue passieren, bevor uns die Augen vor lauter Erschöpfung zufielen.

Fazit: bei Schönwetter ein durchaus sehr lohnender Techno-Klassiker am Piz Ciavazes, welcher mit spektakulärer Kulisse, Ausgesetztheit und guter Felsqualität besticht. Definitiv ein Schmankerl für die techno-Freaks unter uns.

 

Facts Via Italia

  • UIAA: 10- (6 A2)
  • Exposition: Süd
  • Kletterlänge: 280m
  • Erstbegeher: Bepi De Francesch, Quinto Romanin, Emiliano Vuerich und Cesare Franceschetti 1961
  • Charakter: Die Tour wurde 1961 von Beppi De Francesch und Freunden in technischer Kletterei erstbegangen und ist auch heute noch ein beliebter Techno-Klassiker. 2002 konnte Mauro “Bubu” Bole die Tour erstmals frei klettern. Einer Reihe von markanten Dächern folgend und teils an einer Kante verlaufend wartet extren ausgesetzte Kletterei in festen Fels mit einer außergewöhnlich athletischen Stelle im 4 Meter Dach. HAken in allen Qualitäten voprhanden. Stände gut eingerichtet. Zwischenhaken: teils BH; meist NH
  • Talort: Canazei
  • Zufahrt: Auf der Brennerautobahn (A 22) nach Südtirol bis zur Ausfahrt Klausen, dort hinauf in das Grödner Tal und über Wolkenstein bis hinauf zum Sellapass. Bzw. von Osstirol die Pustertaler Straße bis nach Bruneck. Kurz danach ins Gardertal Richtung Corvara, rechts hinauf aufs Grödnerjoch, und weiter zum Sellapass. Vom Sellajoch Richtung Canazei die ersten Serpentinen ca. 120 Hm hinab bis zur ersten langen, leicht rechts gekrümmten Geraden mit Parkmöglichkeiten am Straßenrand, ca. 2080 m. Von hier ist die Südwand sehr gut einsehbar.
  • Parkplatz: Parkplatz unter Südwand oder am Sellpass
  • TOPO

via italiadritte Seillänge

 

via italia1

 

 

 

 

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